Thomas Schmidinger, Dunja Larise (Hg.):

Zwischen Gottesstaat und Demokratie

Handbuch des politischen Islam

Eine inhaltlich brillante Studie über den politischen Islam in Österreich – bei aller Klarheit fehlt leider oft der Mut zu tiefgreifender Kritik!

Von Max Emanuel

Thomas Schmidinger ist den am Islam interessierten Lesern schon länger als einer der Kenner der Islamistenszene in Österreich ein Begriff, der mit seiner Kritik am „politischen Islam“ Tendenzen in unserer Gesellschaft aufzeigt, ohne dabei ein rechtes Klientel wie die FPÖ bedienen zu wollen. Diesen Anspruch stellt er mit seiner Mitherausgeberin Dunja Larise auch gleich in der Einleitung ihres mit Spannung erwarteten, neuen Buches, welches eine Gemeinschaftsarbeit mit anderen jungen Sozialwissenschaftlern – mit oftmals islamischem Migrationshintergrund – darstellt.

Politischer Islam und „Islamophobie“

Es ist kein Buch das sich mit dem Islam im Allgemeinen auseinandersetzt, wie viele andere die seit dem 11. September geschrieben wurden. Grundsätzliche theologische Prämissen oder Positionen des Islam als Religion werden weder hinterfragt, kritisiert noch verteidigt. Das Ziel des Buches war auch ein ganz anderes – nämlich das bis dato umfassendste Buch über den politischen Islam in Österreich zu schreiben: über die Ideologien die die unterschiedlichen Gruppen des politischen Islam propagieren, ihre Organisationen, ihre Akteure und Strukturen. Dies ist ihnen – gleich vorweggenommen – auch gelungen.

Ein weiteres Hauptanliegen ihres Werkes ist es, die Vielfalt und Widersprüchlichkeit aufzuzeigen, welche die innerislamischen Auseinandersetzungen prägen und sich auch in der islamischen Geschichte zeigen. „Der Islam“ sei kein Monolith und „die Muslime“ keine „homogene Gruppe“, wie sie im gesellschaftlich-politischen Diskurs gern sowohl von verschiedenen rechten Gruppierungen, als auch von Verfechtern des Multikulturalismus gesehen werden.

Der derzeitige Konflikt um den Islam würde besonders durch die fremdenfeindlichen Ressentiments verschärft, welche sich in den letzten Jahren zunehmend an Muslimen festgemacht hätten. Viele fundamentalistische Muslime benutzen diese aber wiederum, um jede Kritik an der eigenen Position als „islamophob“ abzutun und verhindern mit diesem „Totschlagargument“ jeden offenen und rationalen Diskurs. So spielen sich Rassisten und Fundamentalisten laut Schmidinger in die Hände, indem tatsächlich vorhandene Probleme in der Bildungs-, Sozial- oder Wirtschaftspolitik zu religiösen Konflikten umgedeutet werden, während die wirklichen Probleme im Zusammenhang mit Migration und Integration ungelöst blieben.

Eine weitere einleitende Prämisse von Schmidinger und Larise ist, dass jene Gruppen, die als Anhängerschaft eines politischen Islam bezeichnet werden können, eine deutliche Minderheit der Muslime in Österreich ausmachen, obwohl gleichzeitig zugegeben wird, dass eine umfassendere Studie, die sich mit der politischen Einstellung der hier lebenden Muslime auseinandersetzt, fehlt. In Deutschland war hingegen 2007 eine vom Innenministerium herausgegebene Studie zu erschreckenden Ergebnissen bezüglich der Integrationswilligkeit und Demokratiefeindlichkeit junger Muslime gekommen. „Zwischen Gottesstaat und Demokratie“ soll nun auch in Österreich (und darüber hinaus) eine Versachlichung und Präzisierung der öffentlichen Debatte zu diesen Themen bringen und einen Beitrag dazu leisten, den Blick auf die islamische Vielfalt zu schärfen.

Begrifflichkeiten und Hintergrund

Einleitend versuchen die Autoren, Klarheit und Struktur in gewisse Begrifflichkeiten zu bringen, die seit 9/11 die Debatte um den Islam prägen, so z.B.: „fundamentalistisch“, „islamistisch“ oder „dschihadistisch“. Schmidinger verwendet, wie auch schon am Titel seines Buches zu erkennen, durchwegs den Begriff „politischer Islam“ für alle ideologischen Ausprägungen, welche den Islam als Richtschnur ihres politischen Handelns verstehen und eine Islamisierung von Gesellschaft und Politik anstreben. Zur Differenzierung verwendet er dabei noch die Unterkategorien „fundamentalistisch“, „integralistisch“, „reformistisch“, „revolutionär“, „dschihadistisch“, oder „terroristisch“.

Auch die Ideologemen des politischen Islam werden thematisiert, welche Schmidinger vor allem in Ablehnung bzw. Feindlichkeit gegenüber bestimmten politischen oder kulturellen Konzepten ortet: Antisäkularismus, Antisemitismus, Antiliberalismus, Antikommunismus, Antiamerikanismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie, wobei dem Antisemitismus der größte Teil dieses Kapitels gewidmet ist.

Die Geschichte des Islams in Österreich – von der Okkupation Bosnien-Herzegowinas im Jahre 1908 bis zum Entstehen der heutigen „Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich“ – bietet schließlich den historischen Hintergrund für die aktuelle Diskussion. Dem gegenübergestellt ist ein kurzes Kapitel über die Begrifflichkeit und die Bedeutung des „Säkularismus“ für den modernen Staat, dessen Abschlussstatement von Dunja Larise besonders positiv ins Auge fällt: „Aus der Perspektive des Anwachsens verschiedener religiöser Fundamentalismen und Obskurantismen, mit dem wir zunehmend konfrontiert werden, und das sich vor allem durch eine radikale Intoleranz gegen den Atheismus auszeichnet, können wir besser verstehen, warum gerade das Erbe des Säkularismus kompromisslos verteidigt werden sollte.“

Organisierter Islam in Österreich

Der Hauptteil des Buches liefert einen detaillierten Überblick über die Strukturen des „politischen Islam“ und seine Vernetzungen in Österreich. Gegliedert ist er nach dem jeweiligen Migrationshintergrund der Organisationen und Akteure. Dabei spielt arabischer, türkischer, bosnischer, indischer, pakistanischer, afghanischer, schiitischer und mehrheits- österreichischer Migrationshintergrund eine Rolle. Zuerst wird jeweils die Entwicklung des politischen Islam in den Herkunftsländern beschrieben, was zu einem besseren Verständnis der politischen Situationen in den islamischen Ländern allgemein, wie auch dem Entstehen der einzelnen Gruppen und Organisationen in Österreich beiträgt, welche im Anschluss daran porträtiert werden.

Abgerundet wird dieser Band noch durch einen gemeinsamen Beitrag mehrerer junger, überwiegend muslimischer AutorInnen über die Problematik des „politischen Islam“ innerhalb der offiziellen „Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich“ (IGGiÖ). Hierbei werden die, der interessierten Öffentlichkeit seit längerem bekannten Kritikpunkte an der IGGiÖ analysiert, wobei sich das Autorenteam um höchste Objektivität bemüht und auch Vertreter der IGGiÖ zu Wort kommen lässt. Neben der politischen Struktur und der Frage der Repräsentation werden besonders auch der islamische Religionsunterricht, die „Muslimische Jugend Österreichs“ und die Biographien einiger umstrittener IGGiÖ-Protagonisten beleuchtet.

Ein klares Bild der Verhältnisse

Dem Autorenteam ist mit diesem Buch wirklich die bis heute umfassendste Recherche über das System des „politischen Islam“ in Österreich gelungen, in welches bis dato nur eine Handvoll aktiver Journalisten oder der Verfassungsschutz Einblick hatten. Es ist ihnen zu verdanken, dass dieses Wissen nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wird, obwohl natürlich klar ist, dass sie damit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben bzw. dies gar nicht können, da sich diese Netzwerke ständig im Umbau und Veränderung befinden.

Ohne bewusst verschönern oder diabolisieren zu wollen, zeigen sie eine Bestandsaufnahme, welche hoffentlich jene Politiker, Journalisten oder Bürger Lügen strafen wird, welche noch immer behaupten, dass es in Österreich kein Problem mit dem (politischen) Islam gäbe. Auch das Bild der IGGiÖ, als fern jeder Strömung des „politischen Islam“, wird zurechtgerückt. In diese Richtung gab es großen Bedarf, da nicht nur unkritische Journalisten und Politiker, in der IGGiÖ ein Vorzeigemodell eines „gemäßigten, liberalen oder säkularen Islam“ sehen, welches man auch ins europäische Ausland „exportieren“ solle.

Zu aufgesetzte Objektivität führt zu zu wenig Kritik

Neben all diesem höchstverdienten Lob für ihr Werk müssen einige Prämissen, Positionen bzw. Schlussfolgerungen des Autorenteams aber auch einer gewissen Kritik unterzogen werden: So ist es den Autoren grundsätzlich hoch anzurechnen, dass sie mit diesem emotionalisierten und sensiblen Thema ganz und gar undogmatisch umgehen und ihr Werk fern jeder Polemik angesiedelt haben. Diese an sich sehr begrüßenswerte Haltung birgt aber auch „Fallen“ in sich. Denn bisweilen wirkt – angesichts der Faktenlage dieses Buches – die Objektivität manchmal „aufgesetzt“ und einige wichtige Schlussfolgerungen lassen eine gewisse Klarheit vermissen oder sind schwammig in ihrer Diktion.

So orten die Autoren bei der IGGiÖ „einige demokratische Schwächen“. Auch mehr „Transparenz und Effizienz nach innen und außen“ wäre erforderlich. Oder die IGGiÖ hätte die von ihr benutzte, offene, demokratische, säkulare Rhetorik noch nicht „vollständig“ in ihrer Struktur umgesetzt. Hier hätte man angesichts der massiven Missstände in der IGGiÖ, die in diesem Buch ja deutlich aufgezeigt wurden auch klarere Worte finden können, ohne dogmatisch sein zu müssen zumal ja den Autoren noch weit mehr Fakten bekannt sind, als jene auf die im Buch explizit eingegangen wurde. Und gerade die Statements, Leserbriefe, Interviews oder offizielle Aussendungen von vielen hochrangigen IGGiÖ Vertretern weisen immer wieder auch die im Kapitel 1.3 des Buches erörterten Ideologeme des „politischen Islam“ auf.

Was für den Leser vielleicht auch nicht ins Detail nachzuvollziehen ist, ist die an einigen Stellen des Buches wiederkehrende Behauptung, dass lediglich eine geringe Zahl von Muslimen Anhänger des „politischen Islam“ wären. Ohne hier das Gegenteil beweisen zu können oder zu wollen, muss man sich dennoch fragen, wie die Autoren zu diesem Schluss kommen, wenn man die geschätzten Mitgliederzahlen aller im Buch angeführten Organisationen und Gruppen zusammenzählt. Wenn man dann noch die Mitglieder der Dachverbände wie z.B. IZB oder ATIB hinzufügt, welche in die Analyse des Buches nicht aufgenommen wurden (weil sie für die Autoren eher zu den nationalen Strömungen zählen), obwohl sie direkt an die Botschaften ihrer jeweiligen Länder gekoppelt und damit ja de facto einem „politischen Islam“ zuzurechnen sind, dann kommt man gesamt wohl auf einige zigtausend Anhänger eines „politischen Islam“ in Österreich. Natürlich vertreten diese dann ein Gedankengut in verschiedenen Ausprägungsgraden der Radikalität und nicht jeder Anhänger eines „politischen Islam“ ist mit einem Gotteskrieger gleichzusetzen. Aber die Radikalisierungstendenzen innerhalb einer Gesellschaft werden ja schließlich nicht nur durch hochgradig gewaltbereite Akteure bestimmt, sondern auch zum wesentlichen Teil von einem Umfeld, in dem diese relativ frei agieren können und welches diesen Tendenzen nicht entschieden entgegentritt und somit den Nährboden für radikales Gedankengut bietet. Angesichts dieser Tatsache ist es nicht unbedingt beruhigend, dass laut einer im Buch zitierten Studie „nur“ 4 Prozent der jungen Muslime zweiter Generation als „fundamentalistisch“ einzustufen sind.

Im Zusammenhang damit wurde ja auch schon im Vorwort des Buches bemerkt, dass diese Anhänger eines „politischen Islam“ gut organisiert sind und damit lautstark – „manchmal so lautstark, dass sie beanspruchen eine Mehrheit zu vertreten“. Angesichts dieses massiven Auftretens des „politischen Islams“ in der Öffentlichkeit bzw. im Internet in all seinen Facetten (Kulturvereine, Sportverbände, Schulen, Kindergärten, Bildungseinrichtungen, Jugendorganisationen, Hilfsorganisationen…) wäre es gefährlich, ihn als Randphänomen zu verharmlosen. Das soll den Autoren auch gar nicht unterstellt werden – jedoch wurde von ihnen richtig festgestellt, dass die erste Zielgruppe fundamentalistischer Aktivität die Muslime selbst wären. Gerade deshalb sollte eine realistische Einschätzung des Gefahrenpotentials welches von solchen Gruppen ausgeht, ein wichtiges Anliegen sein um einer „Islamisierung der Muslime“ präventiv zu begegnen.

Die Selbst-Verantwortung der Muslime

Im Nachwort stellt sich das Autorenteam, welches ja großteils einen islamischen Migrationshintergrund hat, unter anderem die Frage, welche Verantwortung sie im Hinblick auf die Zukunft des Islam in Österreich habe. Hier hätte diese junge, gebildete und offene Generation die große Chance einer Radikalisierung und Entsäkularisierung entgegenzuwirken, was ja auch ein Anliegen dieses Bandes ist. Die Verantwortung liegt vielleicht darin, den über 400.000 Muslimen aber auch allen anderen Menschen in Österreich zu zeigen, dass es eine wirkliche säkulare, liberale und aufklärerische Möglichkeit gibt, den Islam zu leben, welche von einem pluralistischen Menschenbild geprägt ist, das sich nicht ausschließlich durch den Islam konstituiert und definiert. Dazu bedarf es aber einer größeren Präsenz dieser säkularen Muslime in der Öffentlichkeit, die nicht davor zurückscheuen ihre Stimme zu erheben und die auch mutig genug sind, Kritik am „politischen Islam“ und seinen Anhängern auszuüben. Nur durch diesen Eintritt in den öffentlichen Raum und dem Bestreben kompromisslos hinter einem wirklich säkularen und aufgeklärten Islam zu stehen wird es möglich sein, dass Atheisten oder Anhänger anderer Religionen die Stereotype über einen fundamentalistischen, gewaltbereiten Islam ablegen und dem Islam vorurteilsfrei und ohne Ressentiments begegnen können.

Gerade weil der Anteil der Muslime an der europäischen Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten zwischen 25 und 50 Prozent liegen wird, ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich diese Generation von den fundamentalistischen Lehren der geistlichen Führer im Nahen Osten, sowie der Scharia als Quelle des Rechts abnabelt bzw. lossagt und einen modernen, menschlichen, säkularen und demokratischen Islam lebt. Hier geht es dann auch nicht darum, dass man versucht, Demokratie und Islam lediglich miteinander zu „vereinbaren“ oder „spezifische islamische Formen“ der Demokratie zu erfinden bzw. mittels des Korans zu rechtfertigen, sondern die Demokratie und unseren Rechtsstaat wirklich aus vollem Herzen zu bejahen.

Wir brauchen eine deutliche Position aus der Mitte der Gesellschaft gegenüber dem Islam

Abschließend soll noch ein letzter Gedanke Ausdruck finden. Dem Herausgeberduo wäre ein „Applaus der FPÖ hinsichtlich ihres Buches unangenehm“. Obwohl das verständlich und nachvollziehbar ist, sollten nicht zu viele Gedanken in diese Richtung verschwendet werden. Eine weitaus effektivere Methode für alle, die sich davor scheuen den Islam zu kritisieren aus Angst, dass vielleicht ein HC Strache (Bundesparteiobmann der FPÖ) in ihr Fahrwasser treten könnte, wäre es, in Zukunft gerade in Hinblick auf das Thema Islam eine ganz klare Position zu beziehen. Denn nur wenn eine sachliche aber unbeschönigende Kritik aus der Mitte der Gesellschaft kommt, von Menschen die ein soziales, humanistisches Menschenbild vertreten, kann man Vertretern des rechten Randes das Wasser abgraben. Wird die Mitte der Gesellschaft dieser Aufgabe nicht gerecht, dann überlässt man dieses Thema dogmatischeren Randgruppen, welche diese Debatte dann weitaus emotionaler und aufgeladener führen.

In diesem Sinne, kann man nur hoffen, dass besonders viele Politiker und Journalisten, sowie auch kritische Bürger dieses Buch lesen, sich damit auseinandersetzen und dem „politischen Islam“ im Sinne der Demokratie, der Menschlichkeit und im Sinne aller wirklich säkularen und aufgeklärten Muslime entgegentreten werden.

Thomas Schmidinger, Dunja Larise (Hg.): Zwischen Gottesstaat und Demokratie. Handbuch des politischen Islam, Deuticke, 2008, ISBN: 3552060839, 19.90 €

Sie können den Titel direkt auf der rechten Seite neu oder gebraucht bei unsererm Partner Amazon.de bestellen.

Oder Sie suchen es z.B. gebraucht bei der Suchmaschine Eurobuch.com:

powered by eurobuch.com



© Copyright Buchtest.com Impressum Kontakt Buchtest.com Buchkritiken und Buchrezensionen Online

Sie befinden sich hier: Buchtest.com / Mensch & Welt / Politik / Zwischen Gottesstaat und Demokratie