Ingo Schulze:

Neue Leben

Ein ungewöhnlicher Briefroman über die Spätphase der DDR, die Wende und Wildwestkapitalismus – ein grandioses Verwirrspiel um Identität!

Von Claudio Bini

Es ist die trübsinnige Redensart angehender Geisteswissenschaftler, dass die langjährige müßige Kopfakrobatik dem einen edlen höheren Zweck dienen wird: dem Taxischein. Dass es auch anders geht, zeigt das folgende Beispiel. Nach der Devise „die Kunst geht nach Brot“ ließ auch Autor Ingo Schulze vorerst das Brotlose in der Schublade und nahm das Steuer in die Hand. Glück, Eifer und ein Kurzgeschichtenwettbewerb änderten alles. Der Roman „Neue Leben“, Schulzes nunmehr dritter Coup, ist ein Konvolut von Briefen, das der DDR-Zeit vor und nach der Wende neues Leben einhaucht.

Brauchen wir wirklich einen weiteren Wenderoman?

Um es vorweg zu nehmen: Ja! Zugegeben, Schulzes Briefroman ist ein wenig aus der Art geschlagen. Im Gegensatz zu seinen Kurzgeschichten-Compilations „33 Augenblicke des Glücks“ und „Simple Storys“ hat der studierte Philologe mit „Neue Leben“ einen 800 Seiten langen Literaturbackstein aus dem Boden gestampft. Doch das sollte niemanden abschrecken, denn zwischen diesen Seiten entfaltet sich das erfrischend literarische Aroma eines Wende-Wälzers, der keine alten Klischees aufbrüht.

Und darum geht es

Protagonist Enrico Türmer, Dramaturg und heimlicher Schriftsteller, kehrt der Kunst den Rücken und versucht sein Glück als Nachwuchskapitalist bei einer neu gegründeten Zeitung im thüringischen Altenburg. Dies und mehr schildert er in den Briefen, die er zwischen Januar und Juli 1990 wahlweise über Schwester Vera, Schulfreund Johann und die unerreichbare Traumfrau aus dem Westen ergießt. Die protokollartigen Berichte über die Jugend, über scheiternde Beziehungen und erste Erlebnisse mit Tiramisu und westdeutschen Autobahnen bilden eine bewegende Beichte. In der chronologischen Anordnung seiner Briefe schachteln sich die Facetten eines skurrilen Lebens.

Ein Katz- und Mausspiel zwischen Dichtung und Wahrheit

Der besondere Reiz des Romans liegt in seiner Komposition. Schulze tritt nicht als Autor sondern als Herausgeber der Briefe auf. Er liefert ein Vorwort, stellt Gedichte und Prosa von Türmer in den Anhang und verwirrt mit Fußnoten, die akribisch auf Widersprüche in den Briefen hinweisen. Hinter der bewussten Unterscheidung zwischen Autor und Herausgeber verbirgt sich ein ironisches Spiel um Identität. Erstaunlich viele Parallelen zwischen Enrico Türmer und der Vita des Herausgebers gewinnen bei genauem Hinsehen an Kontur. Schulze verstrickt Fiktion und autobiografische Anklänge zu einem Identitätsknäuel, dessen Fäden der Leser immer wieder entwirren muss, um sich nicht darin zu verknoten. So entpuppt sich „Neue Leben“ als geschickt arrangiertes Bild im Bild, das die Atmosphäre der bröckelnden DDR einfängt.

(Rezensiert am: 2006-02-08)


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Ingo Schulze: Neue Leben. , Berlin Verlag, 2005, ISBN-13: 9783827000521, 24.00 €


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