Ismail Boro:

Die getürkte Republik

Woran die Integration in Deutschland scheitert

Ismail Boro erkennt die Probleme der Integration in Deutschland und fordert von beiden Seiten mehr Interesse – doch leider bleiben seine Vorschläge etwas unkonkret!

Von Felix Struening

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Mit dieser Realität hat sich hier zwar noch nicht jeder abgefunden, zu verleugnen ist sie aber keinesfalls mehr. Die Integration der Eingewanderten zeigt jedoch kaum Erfolge, besonders die muslimischen Türken bereiten zunehmend Probleme. Dies liegt einerseits an der Integrationsunwilligkeit der Migranten, andererseits an der falschen Toleranz deutscher Politiker. An beide Seiten wendet sich nun Ismail Boro, eingebürgerter Türke und seit 1972 in Deutschland lebend, in dem sehr persönlichen Appell „Die getürkte Republik“.

Richtige Argumente, die leider nicht leicht zu erkennen sind

Der Autor ist vielen Deutschen aus der Fernsehserie „Schwarzwaldhaus 1902“ bekannt, in der er mit seiner Familie ein Jahrhundert zurückreiste, um unter den damaligen Bedingungen auf einem Bauernhof zu leben. Dass sich so jemand nun politisch äußert, verwundert zunächst, ist für Ismail Boro aber logische Konsequenz aus seiner Reise in die Vergangenheit und zu den eigentlichen Werten im Leben. In der Folge ist sein Buch von persönlichen Eindrücken und Erlebnissen gespickt, der angeschlagene Erzählton wie in einem mündlichen Gespräch. Seine Kritik am deutschen Schulsystem, deutscher Politik und dem Verhalten der hier lebenden Türken ist weitestgehend nachvollziehbar. Doch durch die emotionale Nähe zum Stoff gerät der analytische Blick oft in den Hintergrund. So kann kaum von falschen Argumenten gesprochen werden, es lässt sich aber auch keine klare Linie erkennen. Durch viele Relativierungen, im Sinne von: ‚das gibt es nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland und überall auf der Welt‘, verliert das Ganze an argumentativer Schlagkraft.

Dennoch lässt sich an einigen Punkten die Position des Autors gut erkennen. Seine deutlichste Forderung dürfte wohl sein, dass Türken (und andere Zugewanderte) ohne Zustimmung zum deutschen Rechts- und Wertesystem hier nichts verloren zu haben. Werden sie kriminell, sollten sie schleunigst abgeschoben werden. Dabei erkennt Ismail Boro sehr wohl das Dilemma der deutschen Politik. Ergreift man massive Maßnahmen gegen die Türken, besteht die Gefahr, dass sich auch die gut integrierten von ihnen radikalisieren: „Ich denke, Deutschland wird endgültig verloren sein, wenn die gut ausgebildeten, sich in allen Bereichen der Gesellschaft bestens auskennenden Türken den Deutschen  auch ihren Rücken kehren und mit schlecht ausgebildeten, gewaltbereiten türkischen Jugendlichen gemeinsam eine neue Deutschfeindlichkeit entwickeln.“ Die Frage ist nur, ob dieser Prozess der Fundamentalisierung nicht auch so passiert. Durch die islamistischen Organisationen wie Milli Görüs oder DITIB wird die deutsche Politik und Gesellschaft zu immer mehr Unterwerfung oder Gegenwehr gezwungen. So stehen die friedliebenden Muslime, noch ein Großteil der hiesigen, irgendwann vor der Wahl zwischen den Deutschen und ihren muslimischen Brüdern und Schwestern. Es ist nicht allzu schwer zu raten, für wen sie sich entscheiden werden…

Konservative Politik und unpopulärer Standpunkt

Interessanterweise ist der Autor ein eindeutiger Verfechter konservativer Politik und der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zustimmend zitiert er den ebenfalls zur CDU gehörenden Bundespräsidenten Horst Köhler: „Es gibt keine Zukunft ohne Herkunft. Zur Identität gehört ganz wesentlich das Bewusstsein von der eigenen Geschichte.“ Daraus folgt für Ismail Boro, dass diejenigen, die beispielsweise die besondere Verantwortung Deutschlands für Israel nicht anerkennen wollen, hier falsch seien. Ebenso erstaunlich ist, dass Ismail Boro eine aus politikwissenschaftlicher und demokratietheoretischer unpopuläre Sicht der türkischen Politik vertritt. Seiner Meinung nach bewahrt die Armee in der Türkei die Demokratie immer wieder, indem sie zu religiöse Regierungen absetzt und dann Neuwahlen initiiert. Allerdings hat für den Autor aufgrund dieser Notwendigkeit die Türkei auch nichts in der EU verloren.

Ismail Boro: Die getürkte Republik. Woran die Integration in Deutschland scheitert, Heyne Verlag (Random House), 2008, ISBN: 345315536X, 17.95 €

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