Annette Ramelsberger:

Der deutsche Dschihad

Islamistische Terroristen planen den Anschlag

Dieses Buch ruft in Erinnerung, was eigentlich allen deutlich sein müsste: Deutschland ist längst im Visier der islamistischen Terroristen!

Von Felix Struening

Gegen uns Deutsche haben die Islamisten doch nichts. Die wollen doch nur die USA, Großbritannien und Israel angreifen. So und ähnlich argumentieren wir gerne. Und vor allem unsere Politiker. Doch die Fakten sprechen eine ganz andere Sprache: Mindestens sieben Anschläge wurden in den letzten Jahren auf Deutsche und in Deutschland von Islamisten geplant. Dass die meisten davon verhindert werden konnten oder schiefgingen, war vor allem eines: Glück. Die SZ-Redakteurin Annette Ramelsberger hat die Lage anhand vieler Details in einem Reportage-artigen Buch präzise beschrieben. Dabei will sie keine Panik stiften, sondern auf die verdrängte Systematik hinter den anscheinend nur einzelnen und schnell vergessenen Anschlägen hinweisen.

„Doch nicht Vorsicht ist dumm, sondern das Wegschauen aus Angst vor dem Untergang der heilen Welt“

Verdrängen können die Deutschen gut. Schnell ist die Gefahr knapp vereitelter terroristischer Akte vergessen, stattdessen wird gegen zunehmende Überwachungsmaßnahmen wie die Online-Durchsuchung protestiert. Behörden und Fahnder haben das Problem, dass sie immer für zu radikal und Übertreiber gehalten werden. Denn wer will schon seine heile Welt aufgeben und den Blick auf eine Realität werfen, in der die islamistischen Attentäter längst unsere Nachbarn sind?

Vor allem zwei Typen von Terroristen scheinen vorzuherrschen. Einerseits eine junge Tätergeneration unter den muslimischen Migranten, die sich schnell vom netten Nachbarsjungen in hasserfüllte Islamisten wandelt. Dies sind die „homegrown terrorists“, meist die dritte Generation der Einwanderer, die weder Bindung an ihre kulturellen Wurzeln der Herkunftslandes, noch an Europa haben. Die Anschläge im Juli 2005 in London wurden von eben jenen verübt. Den Behörden ist das keinesfalls verborgen geblieben: „Schon seit Herbst 2005 bemerken Verfassungsschützer, wie Terroristen immer stärker auch die Türken in Europa ansprechen. So werden seitdem Internetseiten für Heilige Krieger ins Türkische übersetzt, die bis dahin nur auf Arabisch zu haben waren. Seit 2006 gibt es sie auch auf Deutsch.“ Die Radikalisierung erfolgt längst hier in Europa. Nach Pakistan gehen sie nur noch für die praktische Ausbildung zum Dschihadisten.

Der andere, besonders für den terroristischen Islam anfällige Typ, sind junge Deutsche mit schlechten Jugenderfahrungen, ohne familiäre Bindung und berufliche Aussichten. Werden sie konvertiert (von einem selbstständigen Konvertieren kann kaum die Rede sein), sind sie oft besonders eifrig und streben eine reine Lehre an. Sie werden gezielt von Islamisten rekrutiert, bei denen sie eine neue Familie finden und ihr Leben (oder Tod) einen Sinn erhält: „Sie fühlen sich schwach und suchen nach Stärke, sie suchen eine Gemeinschaft und finden eine Truppe, die sich für die Elite hält: die Elite des Glaubens, die Heiligen Krieger.“ Das Problem für die Behörden ist, dass die Konvertiten sich in der westlichen Gesellschaft sehr gut auskennen und ihre Strukturen nutzen können. Vor allem aber können sie sich frei durch Europa bewegen und fallen nicht auf, da sie weder ein Visum brauchen, noch von ihren Namen her hervorstechen.

Die Bedrohung fordert politische Konsequenzen

Anhand der zahlreichen Beispiele kann die Autorin zeigen, wie die deutschen Fahnder immer wieder erfolgreich waren. Sie zeigt aber auch, dass die Ermittlungsbehörden ihre technischen und rechtlichen Möglichkeiten nahezu ausgeschöpft haben. Die Terrorismus-Prävention kann niemals alle Bereiche genügend abdecken. Von den ca. 3,2 Mio. in Deutschland lebenden Muslimen gilt zwar nur ein Prozent als extremistisch. Das sind aber immerhin 32.000 Gläubige mit verschiedenster fundamentalistischer Abstufung. 300 bis 400 davon werden als „Gefährder“ eingestuft, jene, die einen Anschlag begehen wollen oder zumindest würden. Sind diese auch noch halbwegs zu überwachen, liegt das Problem darin, dass sie sich in der Menge von 32.000 mehr oder weniger Sympathisanten verstecken können. Diese „stille Zustimmung“ bereitet dem Verfassungsschutz massive Probleme. Immerhin gelten von den rund 2.900 Moscheen in Deutschland alleine 100 als „auffällig“, d.h. sie werden vom Verfassungsschutz zumindest näher begutachtet. Genug Spielraum für Anschlagsplanung und Rekrutierung bleibt da allemal.

Klare in der Faktenlage, etwas schwach in der Argumentation

Auf den letzten zehn Seiten lässt das Buch leider stark in seiner Argumentation nach. Zum einen hat die Autorin zwar recht, wenn sie fordert, dass die Deutschen den gemäßigten Muslimen entgegenkommen müssen, um den extremistischen den Nährboden zu entziehen. Aber zuerst müssen die Muslime beweisen, dass sie wirklich gemäßigt und in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht säkular sind. Indem sie sich z.B. von islamistischen Attentaten und anderen Verbrechen deutlich distanzieren. Indem sie über Lippenbekenntnisse hinaus den deutschen Rechtsstaat akzeptieren. Und indem sie aus ihrer Mitte heraus gesellschaftliche Vertreter ernennen, mit denen der Staat anders kooperieren kann, als mit den derzeitigen – zum großen Teil integrations- und demokratiefeindlichen – Islam-Verbänden. Annette Ramelsberger fordert: „Die Muslime, die den Terror verabscheuen, müssen verinnerlichen, dass die Menschen, die Bomben werfen, Terroristen sind und keine Brüder.“ Aber sie müssen es nicht nur verinnerlichen. Sie müssen es vor allem nach außen, der deutschen bzw. europäischen Gesellschaft zeigen.

Zum anderen droht die Autorin auf den letzten Seiten förmlich, dass Deutschland, vor allem durch das militärische Engagement in Afghanistan, spätestens seit 2007 gezielt durch Al-Qaida angegriffen wird. Dieser ‚apokalyptische Zeigefinger‘ wäre jedoch aufgrund der bis dahin im Buch geschilderten Fakten überhaupt nicht notwendig und verstört der Leser eher. Sinnvoller erschiene eine Ermutigung, wie mit dem psychologischen Terror der Islamisten ungegangen werden kann. Und wie eine kritisch-fordernde Haltung des Volkes und vor allem der Politiker gegenüber den Muslimen die eigenen Werte der Freiheit und Gleichheit stabilisiert.

Mit „Der deutsche Dschihad“ hat Annette Ramelsberger einen interessanten Beitrag zur Debatte über den Islam in Europa geleistet, der sich vor allem an den Laien wendet. Das Sachbuch besticht durch einen leicht lesbaren Stil, der die Vorgänge sehr plastisch darstellt, wenn auch einige inhaltliche Wiederholungen auftreten. Da nicht tief in die Diskussion politischer und gesellschaftlicher Konsequenzen eingestiegen wird, liegt die Stärke des Buches vor allem in der umfassenden Darstellung der Fakten. Die Autorin macht gut deutlich, dass Deutschland längst von Islamisten bedroht ist. Nicht nur zahlreiche finanzielle und logistische Vorgänge von Terrornetzwerken wie Al-Qaida und Ansar al-Islam finden hier statt. Wir sind längst das Ziel konkreter Anschlagsplanungen geworden.

Annette Ramelsberger: Der deutsche Dschihad. Islamistische Terroristen planen den Anschlag, Econ, 2008, ISBN: 3430300401, 16.90 €

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